„Wir erinnern an …“ – Vortragsreihe im Haus der Stadtgeschichte wird 2026 fortgesetzt

Die Vortragsreihe „Wir erinnern am …“, die seit Jahren einen wachsenden Zuspruch und gesteigertes Interesse bekunden darf, wird auch im November 2026 im Haus der Stadtgeschichte/Stadtarchiv, Mannheimer Straße 189, in Zusammenarbeit mit der Stiftung Haus der Stadtgeschichte Bad Kreuznach und dem Netzwerk am Turm fortgesetzt.

Dienstag, 10.11.2026, 18:30–20:00 Uhr:
Ive Schuster: „Das Schicksal einer jüdischen Familie im ländlichen Raum. Die Hüffelsheimer Familie Strauß“

Die Historikerin Ive Schuster zeigt in ihrem Vortrag auf, wie eine weitgehend ins Dorfleben integrierte jüdische Familie, die ihr Auskommen mit einer Metzgerei, Viehhandel und einer kleinen Landwirtschaft bestritt. Gleichfalls erfuhr sie in der Zeit des Nationalsozialismus gesellschaftliche Ausgrenzung, Verdrängung, Ausschaltung aus dem Wirtschaftsleben, Kriminalisierung der Söhne Otto und Julius, Deportation und Enteignung. Fünf Familienmitglieder wurden 1943 nach Theresienstadt deportiert. Der Vater Jakob Strauß starb in Theresienstadt. Seine Kinder wurden weiter nach Auschwitz transportiert, dort kamen sie zu Tode.

Ein besonderes Augenmerk legt Schuster dank neuer Quellen auf die Zeit nach 1945. Die einzig Überlebende der Familie, Frieda Fuld, eine Nichte von Jakob Strauß, stritt um Wiedergutmachung, die Rückerstattung von Vermögenswerten und Entschädigung.

Mittwoch, 11.11.2026, 18:30–20:00 Uhr:
Theresa Weismüller: „Von der Unmöglichkeit, das Alte ruhen zu lassen“. Transgenerative Weitergabe von Traumata

Die Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Theresa Weismüller referiert über ein erschreckend aktuelles Thema. Sie beschreibt, wie traumatische Erfahrungen über mehrere Generationen weiterwirken können, ohne dass es Betroffenen bewusst sein muss. Ursache dafür können zurückliegende traumatische Erlebnisse z.B. während der Zeit des Nationalsozialismus oder des Zweiten Weltkrieges sein. Die Weitergabe der Erfahrungen erfolgt vor allem durch Erziehung, Bildung, Kommunikation und familiäre Verhaltensmuster. Ob starke Belastungen (wie Traumata) die Genregulation beeinflussen können, untersucht die Epigenetik, die weitere aufschlussreiche Erkenntnisse zu dem Thema liefert. Traumatische Erfahrungen sind nicht zwangsläufig vererbbar. Sie können durch Unterstützung und Aufarbeitung unterbrochen werden.

Donnerstag, 12.11., 18.30–20:00 Uhr:
Erich Hackl/Jannik Koppenhagen: „Die Familie Hugo Salzmann“

Der Schriftsteller Erich Hackl und der Literaturwissenschaftler und Kulturvermittler Jannik Koppenhagen gehen in ein offenes Gespräch über das 2012 im Diogenes Verlag erschienene Buch: „Familie Salzmann. Erzählungen aus unserer Mitte“. Hackl hat die Familiengeschichte der Salzmanns über drei Generationen verfolgt und diese auf der Grundlage verschiedenster historischer Quellen wie Briefe, Fotos, Interviews etc. literarisch aufgearbeitet.

Was hat ihn dazu bewogen, gerade diese Familie zum Gegenstand seiner Arbeit zu machen? Wie war es ihm möglich, sich literarisch mit dem Nationalsozialismus und seinen konkreten Auswirkungen auf eine Familie auseinanderzusetzen, die aktiv und unter Einsatz ihres Lebens das politische System bekämpfte und ihm letztlich zum Opfer fiel?

Zum Inhalt des Buches – eine Skizze: Hugo Salzmann, 1903 in Kreuznach geboren, war Metalldreher, Gewerkschaftssekretär, Kommunist und Antifaschist. Er und seine ebenfalls politisch aktive Frau Julianna wurden unter den Nationalsozialisten verfolgt. Salzmann flüchtete nach Frankreich, Julianna folgte mit Sohn Hugo. Salzmann wurde interniert und in Haft genommen, auch Julianna wurde inhaftiert. Während Salzmann ab 1943 im Zuchthaus Butzbach/Hessen das faschistische Regime überlebte, starb Julianna im KZ Ravensbrück. Sohn Hugo fand in Österreich ein neues Zuhause. Er erfuhr als Erwachsener wegen der bekannt gewordenen KZ-Haft seiner Mutter antisemitische Anfeindungen aufgrund der Annahme, dass sie Jüdin und deshalb im KZ gewesen sei.

Hackl und Koppenhagen wollen sich in ihrem Gespräch mit dem Schicksal von Julianna Salzmann beschäftigen, die wie die Kreuznacherin Hildegard Schäfer im KZ inhaftiert war. Allerdings fand Julianna dort den Tod.

In Zusammenarbeit mit der Stiftung Haus der Stadtgeschichte Bad Kreuznach, Netzwerk am Turm, Bund Deutscher Pfadfinder_innen Landesverband Rheinland-Pfalz

Freitag, 13.11.2026, 18:30–20:00 Uhr
Georg Mertes: „Das SS-Sonderlager Hinzert und das Dorf Hinzert“

In der Nähe des Ortes Hinzert wurde in der NS-Diktatur ein Arbeitslager errichtet, das zunehmend den Charakter eines Straflagers annahm und schließlich zum Konzentrationslager wurde.

Bis in die 1980er Jahre war dieser Ort weitgehend vergessen, die Bezeichnung „Ehrenfriedhof“ wurde dem historischen Ort in verharmlosender Weise nicht gerecht. 1989 gründete sich aus verschiedenen Initiativen ein Förderverein, der sich zum Ziel setzte, die lokale und regionale Gedenkarbeit zu unterstützen und die Errichtung einer Gedenkstätte voranzutreiben. Es entstand ein Dokumentations- und Begegnungshaus in der Trägerschaft der Landeszentrale für politische Bildung für Rheinland-Pfalz. Es bewahrt und trägt die Erinnerung an die Opfer weiter. Georg Mertes ist seit über 40 Jahren in der Gedenk- und Erinnerungsarbeit zum KZ Hinzert aktiv. Der profunde Kenner wird in seinem Vortrag das sogenannte „SS-Sonderlager Hinzert“ im System der NS-Zwangslager verorten und über die Geschehnisse während und nach der NS-Zeit berichten. Ein besonderes Augenmerk wird er auf den alltäglichen Umgang des Dorfes Hinzert mit dem Lager und den Insassen des Lagers legen, das von Oktober 1939 bis März 1945 bestand.

Veranstalter – Haus der Stadtgeschichte – Stadt Bad Kreuznach – Mannheimer Str. 189, 55543 Bad Kreuznach – Tel. +49 671 800 131 – Email ins Haus der Stadtgeschichte – Haus der Stadtgeschichte

Jörn Kobes
Historiker, Verleger, Designer, Vater, Schiedsrichter